Winkelblog — Prävention, Kinderschutz & Handlungssicherheit

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Ich schreibe über Dinge, die mich in meiner Arbeit beschäftigen – und bei denen ich merke, dass Klarheit fehlt.

Prävention und Kinderschutz, Schutzstrukturen in Organisationen, gesellschaftliche Entwicklungen rund um Diversität und Identität. Themen, die komplex sind, aber konkrete Auswirkungen auf den Arbeitsalltag haben. Ich versuche, sie greifbar zu machen – ohne zu vereinfachen und ohne zu moralisieren.

Für alle, die in ihrem Berufsfeld Verantwortung tragen und sich orientieren wollen.

 

11. Juni 2026

004 Sportvereine — gesellschaftlicher Kitt und strukturelle Lücke

Es gibt eine Institution in Deutschland, die mehr Menschen erreicht als jede Kirche, jede Partei und jede Gewerkschaft. Sie verlangt keinen Bildungsabschluss, kein Einkommen und keine Herkunft. Sie funktioniert in der Großstadt und im Dorf mit achthundert Einwohnern, und sie tut es seit weit über hundert Jahren: der Verein.

Über 90.000 Sportvereine gibt es in diesem Land, mit mehr als 27 Millionen Mitgliedschaften. Dahinter stehen Menschen, die dienstagabends Hallen aufschließen, die Trikots waschen, Fahrgemeinschaften organisieren und Beitragslisten führen, ohne dafür bezahlt zu werden. Es ist leicht, das als Folklore abzutun. Tatsächlich ist es eine der stabilsten Formen sozialer Teilhabe, die wir kennen.

Denn Vereine leisten etwas, das kaum eine andere Institution noch schafft. Sie bringen Menschen zusammen, die sich sonst nie begegnen würden. Auf dem Spielfeld trainiert das Kind der Anwältin neben dem Kind des Lageristen, die Jugendliche aus der geflüchteten Familie neben dem Jungen, dessen Großvater schon im selben Verein gespielt hat. Diese Selbstverständlichkeit ist selten geworden. Schulen sortieren nach Leistung, Wohnviertel nach Einkommen, soziale Medien nach Meinung. Der Verein sortiert nach nichts davon. Wer kommt, gehört dazu.

Dazu kommt eine zweite Qualität, die oft übersehen wird: Vereine sind transgenerational. Sie verbinden nicht nur Menschen einer Generation miteinander, sondern Generationen untereinander. Die Trainerin, die heute die E-Jugend betreut, wurde selbst von jemandem trainiert, der noch heute am Spielfeldrand steht. Feste, Rituale, Vereinsheime, Wimpel an der Wand, all das transportiert etwas über Jahrzehnte, das man Zugehörigkeit nennen könnte. Die Forschung bestätigt diese Bedeutung seit Langem: Vereinssport fördert Gesundheit, Integration, demokratische Teilhabe und ehrenamtliches Engagement, und er begleitet Kinder und Jugendliche oft verlässlicher durch ihre Entwicklung als manche staatliche Institution.

Wer über Vereine spricht, spricht also über etwas Wertvolles. Und genau deshalb muss man auch über das sprechen, was dieser Wert strukturell mit sich bringt.

Die Kehrseite der Nähe

Vertrauen, Nähe, Kontinuität, Autorität. Das sind die vier Qualitäten, die das Vereinsleben tragen. Ein Trainer, dem Eltern ihre Kinder über Jahre anvertrauen, hat eine Beziehung aufgebaut, die weit über das Sportliche hinausreicht. Eine Betreuerin, die jedes Wochenende da ist, die Fahrten organisiert und beim Trainingslager mit anpackt, ist keine Fremde mehr. Sie gehört zur Familie des Vereins, und oft fühlt es sich genau so an.

Das Problem ist: Diese vier Qualitäten sind exakt dieselben, die sexualisierte Gewalt ermöglichen. Täter suchen nicht die Anonymität. Sie suchen das Gegenteil. Sie suchen Orte, an denen Vertrauen schnell wächst, an denen Nähe legitim ist, an denen Kontinuität den Zugang sichert und Autorität vor Fragen schützt. Die Strategien, die in der Prävention als Grooming beschrieben werden, brauchen genau das Umfeld, das ein guter Verein seinen Mitgliedern bietet.

Das ist kein Widerspruch zur gesellschaftlichen Bedeutung von Vereinen. Es ist ihre strukturelle Kehrseite. Was den Verein wertvoll macht, macht ihn zugleich verletzlich.

Was die Zahlen zeigen

Die Forschungslage dazu ist inzwischen deutlich. Die Safe Sport-Studie der Deutschen Sporthochschule Köln ergab, dass 37 Prozent der befragten Kaderathletinnen und Kaderathleten im Kontext des Sports eine Form sexualisierter Gewalt erlebt haben. Die SicherImSport-Studie, die den Breitensport untersuchte, kam auf einen noch höheren Wert: 69 Prozent der Befragten berichteten von mindestens einer Form interpersonaler Gewalt im Vereinssport. Und die europäische CASES-Studie hält einen Befund fest, der lange Zeit kaum aussprechbar war: Der Sportverein ist der am häufigsten genannte Ort, an dem diese Gewalt stattfindet.

Eine weitere Zahl gehört in diesen Zusammenhang, auch wenn sie nicht aus dem Sport stammt. Die australische UNSW-Studie von 2023, die größte repräsentative Untersuchung zu sexuellem Kindesmissbrauch, zeigt, dass Männer mit sexuellen Gefühlen gegenüber Kindern fast dreimal häufiger in Tätigkeiten mit Kinderkontakt arbeiten als andere Männer. Das gilt für berufliche Kontexte ebenso wie für ehrenamtliche. Es wäre naiv anzunehmen, dass der organisierte Sport davon ausgenommen ist. Die ehrlichere Annahme lautet: Er ist es nicht, und kein bekannter Fall im eigenen Verein bedeutet nicht, dass es kein Problem gibt.

Was ich aus der Praxis kenne

Ich arbeite seit über zwanzig Jahren in der Kinder- und Jugendhilfe, viele Jahre davon in Familien mit akuten Krisen. In dieser Zeit habe ich Fälle begleitet, die einen Bezug zu Sportvereinen hatten. Nicht als Randnotiz, sondern als Teil der Geschichte: Kinder, die jahrelang in denselben Strukturen trainierten, Übungsleiter, die alle kannten und schätzten, Eltern, die vertrauten, weil der Verein ein Ort war, dem man eben vertraut.

Was mich an diesen Fällen bis heute beschäftigt, ist nicht ihre Dramatik. Es ist die Rückschau. Denn fast immer gab es Momente, in denen etwas hätte auffallen können. Ein Verhalten, das irritierte. Eine Nähe, die nicht zur Rolle passte. Ein Kind, das sich veränderte. Diese Momente wurden nicht aus Gleichgültigkeit übersehen. Sie wurden übersehen, weil niemand wusste, worauf zu achten ist, und weil es niemanden gab, an den man sich mit einer vagen Beobachtung hätte wenden können. Eine Irritation ohne Adresse verschwindet. Das ist keine Schuld einzelner Menschen. Das ist eine fehlende Struktur.

Hinschauen ist eine organisatorische Entscheidung

Genau hier setzen Schutzkonzepte an, und genau deshalb halte ich wenig davon, sie als bürokratische Auflage zu betrachten. Ein Schutzkonzept beantwortet die Fragen, die in den Fällen, die ich kenne, niemand beantworten konnte: Welche Situationen in unserem Verein bergen Risiken? Wer ist ansprechbar, wenn jemand etwas beobachtet? Was passiert mit einer Meldung, und wer entscheidet was?

Ein Verein, der diese Fragen geklärt hat, ist kein misstrauischer Verein. Er ist ein Verein, der seine eigene Bedeutung ernst nimmt. Denn wer Kindern und Jugendlichen einen Ort gibt, an dem Vertrauen, Nähe und Zugehörigkeit entstehen, übernimmt damit auch die Verantwortung, diesen Ort so zu gestalten, dass dieses Vertrauen geschützt ist.

Die Vereine, die ich kenne, tragen ihre Mitglieder oft über Jahrzehnte. Es wäre viel gewonnen, wenn die Strukturen, die schützen, genauso selbstverständlich dazugehören würden wie der Wimpel an der Wand.

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