Winkelblog — Prävention, Kinderschutz & Handlungssicherheit

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Ich schreibe über Dinge, die mich in meiner Arbeit beschäftigen – und bei denen ich merke, dass Klarheit fehlt.

Prävention und Kinderschutz, Schutzstrukturen in Organisationen, gesellschaftliche Entwicklungen rund um Diversität und Identität. Themen, die komplex sind, aber konkrete Auswirkungen auf den Arbeitsalltag haben. Ich versuche, sie greifbar zu machen – ohne zu vereinfachen und ohne zu moralisieren.

Für alle, die in ihrem Berufsfeld Verantwortung tragen und sich orientieren wollen.

 

9. Juli 2026

005 Täter und Dieter Nuhr

Gesellschaftliche Diskurse als Grooming - Infrastruktur

Wie ich darauf gestoßen bin

Es begann mit einer Schulungsvorbereitung. Ich beschäftigte mich mit gesellschaftlichen Diskursen und der Frage, wie Narrative entstehen, sich verbreiten und wirken. In diesem Zusammenhang stieß ich auf den sogenannten „Rape Gang Inquiry Report" – eine privat finanzierte, politisch klar positionierte Untersuchung aus Großbritannien, die unter anderem durch Elon Musk internationale Verbreitung fand. Ich habe den Bericht gelesen und analysiert. Was er tut, ist methodisch problematisch: Er isoliert einen realen, gut dokumentierten Missbrauchstypus – organisierte Netzwerke mit überwiegend pakistanischem Hintergrund und behandelt ihn als das Gesamtbild sexualisierter Gewalt gegen Kinder in Großbritannien. Täter anderer Herkunft, andere Strukturen, andere Milieus verschwinden aus dem Blick. Und das, obwohl die Datenlage, die dieses Bild korrigieren würde, im Bericht selbst als unzureichend bezeichnet wird.

Das hätte ich als medienkritische Einordnung abheften können. Aber bei der Lektüre kamen Erinnerungen an frühere Situationen aus meiner Arbeit hoch. Fälle, in denen Täter gegenüber Eltern, Vereinen oder Institutionen genau solche Narrative benutzt haben. Sätze, die auf eine externe Gefahr hinwiesen und dabei das Vertrauen in die eigene Person zementierten. Ich erinnerte mich, wie überzeugend das wirkte. Wie schwer es war, dahinter zu sehen. Aus einer medienkritischen Beobachtung wurde eine fachliche Frage:

Was passiert, wenn gesellschaftliche Diskurse und individuelle Täterstrategien ineinandergreifen?

Was wir wissen – und was wir dabei übersehen

Dass Täter ihr unmittelbares Umfeld groomen, ist keine neue Erkenntnis. Sie bauen Vertrauen auf, positionieren sich als zuverlässig, machen sich unentbehrlich. Sie investieren Zeit und soziale Energie, um Eltern, Familien und Institutionen zu überzeugen: Bei mir sind die Kinder sicher.Was bislang weniger betrachtet wird: Manchmal müssen sie das gar nicht mehr selbst aufbauen. Das Narrativ wird ihnen geliefert. Wenn ein gesellschaftlicher Diskurs klar definiert, wer die Gefahr ist, nämlich fremd, anders, erkennbar, entsteht als Gegenbild automatisch der unauffällige Freund der Familie, der vertraute Trainer, der engagierte Vereinsmensch als unauffällig und vertrauenswürdig. Durch die Logik des Diskurses selbst, ohne eigene Überzeugungsarbeit des Täters.

Das ist der Unterschied zu klassischem Umfeldgrooming. Klassisches Grooming kostet den Täter Aufwand. Was ich hier beschreibe, ist ein gesellschaftlich produzierter Vertrauensbonus, der bestimmten Tätertypen kostenlos zur Verfügung steht. Wie wenig ausgedacht dieses Muster ist, zeigt sich in Zahlen. Salter et al. befragten 2023 an der University of New South Wales fast 2.000 australische Männer repräsentativ zu sexuellen Gefühlen gegenüber Kindern und selbstberichtetem Übergriffsverhalten, eine der größten Studien dieser Art weltweit. 19,6 Prozent der Befragten gaben beides oder eines von beidem an. Hochgerechnet auf Deutschland entspräche das mehr als sechs Millionen Männern. In Berufen mit direktem Kinderkontakt fanden sich Täter dreimal häufiger als in der Allgemeinbevölkerung, verheiratet, berufstätig, gesellschaftlich unauffällig. Genau dort, wo das Narrativ Sicherheit verspricht, beim sozial integrierten, unauffälligen Mann, finden sich laut Salter et al. überproportional viele Täter.

Ein Satz, den ich nicht vergessen werde

In meiner Arbeit bin ich auf ein Beispiel gestoßen, das diesen Mechanismus sichtbar macht. Ein Handballtrainer zu Eltern: „Ich passe darauf auf, dass eure Mädchen nicht von denen (gemeint waren junge Schutzsuchende) betatscht werden. Wenn sie bei mir sind, sind sie sicher." Wer diesen Satz hört, ohne den Mechanismus zu kennen, hört Engagement, Wachsamkeit, Schutz. Die Eltern atmen auf. Der Mann hat sich als auf der richtigen Seite stehend ausgewiesen. Wer den Mechanismus kennt, hört eine klassische Grooming - Struktur. Positionierung als Beschützer. Neutralisierung des elterlichen Wachsamkeitsreflexes. Herstellung von Kontrolle über den Zugang zu Kindern – diesmal durch Übernahme eines gesellschaftlich bereits laufenden Narrativs. Der Täter muss es nicht erfinden. Er muss es nur benutzen.

Die lautesten Kinderschutznarrative

Das wäre bereits genug für einen kritischen Blick auf gesellschaftliche Diskurse. Aber es geht noch weiter. Schaut man sich an, wo die lautesten Kinderschutznarrative entstehen, wo am aggressivsten auf externe Gefahr hingewiesen wird. Wo am deutlichsten betont wird, wer die Kinder bedroht, fällt etwas auf: Es sind oft genau die Milieus, in denen struktureller Missbrauch am längsten unentdeckt bleibt. Die Beispiele sind gut dokumentiert. Religiös - konservative Institutionen. Autoritäre Gemeinschaften. Milieus mit starkem Zusammengehörigkeitsgefühl und ebenso starker Abgrenzung nach außen. Was auf den ersten Blick wie Heuchelei wirkt, folgt einer eigenen Systemlogik. Diese Strukturen produzieren drei Dinge gleichzeitig:

• ein Außenfeindbild, das den Blick nach innen verhindert

• eine Autoritätshierarchie, die Schweigen normalisiert, und

• ein moralisches Überlegenheitsgefühl, das die eigene Gemeinschaft vor Verdacht schützt.

Das aggressive Benennen der externen Gefahr und die interne Schutzlosigkeit sind in dem Fall keine zufällige Kombination, sie bedingen einander.

Dieselbe Mechanik, ein anderes Milieu

Dass dieses Muster nicht auf Kinderschutz beschränkt ist, zeigte sich Mitte Juni in der ARD-Sendung Nuhr im Ersten. Dieter Nuhr sprach dort über Femizide, das Bundeskriminalamt zählte für 2024 133 Frauen, die durch ihren (Ex-) Partner starben, im Schnitt zwei bis drei pro Woche. Nuhr betonte, nicht alle Männer seien gewalttätig, um dann als Pointe vorzuschlagen, Frauen sollten ihren Partner vor dem Sex besser kennenlernen, das senke das Risiko. Das Publikum applaudierte.

Der Witz folgt derselben Logik wie der Satz des Handballtrainers aus dem vorigen Abschnitt. Er verortet die Gefahr im nicht ausreichend Bekannten und entlastet damit implizit alle, die bereits als vertraut gelten. Nur passt die Prämisse nicht zur Datenlage. Die Männer, die Frauen töten, sind in aller Regel keine Fremden, die eine gründlichere Vorabprüfung entlarvt hätte, sondern (Ex-) Partner, die die Betroffenen oft über Jahre kannten. Die Gefahr liegt nicht im zu wenig Bekannten. Sie liegt im längst Vertrauten.Die öffentliche Kritik an der Pointe richtete sich vor allem auf die Täter - Opfer - Umkehr. Fachlich lohnt sich noch ein zweiter Blick. Der Applaus im Saal zeigt, wie leicht ein Narrativ gesellschaftliche Zustimmung findet, wenn es die Gefahr extern und identifizierbar verortet, selbst wenn die Zahlen das Gegenteil belegen. Genau diese Zustimmung ist die Ressource, die den vertrauten Trainer schützt und die im Umfeld eines Femizid - Täters hinterher sagen lässt, man hätte es nicht kommen sehen können. In beiden Fällen entsteht der Vertrauensbonus nicht durch die individuelle Überzeugungsarbeit eines Täters, sondern durch ein Narrativ, das sich die Gesellschaft selbst erzählt, mit Applaus.

Was das für die Praxis bedeutet

Kinderschutz benötigt einen wachen Blick auf gesellschaftliche Narrative – nicht nur auf individuelle Täterstrategien.

Die relevante Frage ist nicht allein: Wer nähert sich diesem Kind auf welche Weise? Sie lautet auch: Welche gesellschaftlichen Diskurse laufen gerade, wer äußert und wem nützen sie? Wer positioniert sich als Beschützer – und wovon lenkt dieses Positionierung den Blick ab?

Der Satz des Trainers ist kein Einzelfall, sondern ein Muster. Und wer es einmal erkannt hat, sieht es wieder.

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