Winkelblog — Prävention, Kinderschutz & Handlungssicherheit

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Ich schreibe über Dinge, die mich in meiner Arbeit beschäftigen – und bei denen ich merke, dass Klarheit fehlt.

Prävention und Kinderschutz, Schutzstrukturen in Organisationen, gesellschaftliche Entwicklungen rund um Diversität und Identität. Themen, die komplex sind, aber konkrete Auswirkungen auf den Arbeitsalltag haben. Ich versuche, sie greifbar zu machen – ohne zu vereinfachen und ohne zu moralisieren.

Für alle, die in ihrem Berufsfeld Verantwortung tragen und sich orientieren wollen.

 

006 Warum Kinder ihren Körper benennen können müssen

Über Kosenamen, Scham und die Sprache, die im Alltag fehlt

Ich habe in meiner Arbeit Befragungen von Kindern erlebt, nach denen nichts mehr geschah, obwohl etwas geschehen war. Das Kind hatte Sätze gesagt wie „Papa hat meine Muschel gestreichelt" oder „Er hat meinen Piepmatz angefasst", und aus diesen Sätzen ließ sich keine Handlung konkretisieren, keine Aussage verwerten und kein Verfahren führen. Das Kind hatte den schwersten Schritt getan und gesprochen, aber weil seine Worte für die Erwachsenen um es herum keinen eindeutigen Bezug hatten, blieb seine Offenbarung ohne Folgen.

Diese Erfahrung beschäftigt mich bis heute, weil sie einen Zusammenhang sichtbar macht, der im Alltag verborgen bleibt: Ob ein Kind seinen Körper benennen kann, entscheidet sich lange bevor irgendetwas passiert, und es entscheidet mit darüber, ob ihm später geholfen werden kann.

Woher die Wörter kommen, und woher nicht

Der Grundstein dafür wird früher gelegt, als viele vermuten. Bereits im Säuglingsalter lernen Kinder die Sprache, die um sie herum gesprochen wird, und sie profitieren nachweislich davon, wenn Dinge von Anfang an bei ihrem richtigen Namen genannt werden. Ein Baby, das beim Wickeln beiläufig hört, dass es einen Penis oder eine Vulva hat, erwirbt diese Wörter genauso selbstverständlich wie Hand, Fuß und Bauch. Wer stattdessen in verniedlichende Ersatzwörter ausweicht, vermittelt dem Kind von Beginn an, dass für diesen Teil des Körpers eine Sonderregel gilt, und diese Sonderregel muss später mühsam wieder abgebaut werden, wenn sie sich überhaupt noch abbauen lässt.

Wie tief diese Normalität reicht, zeigt die Forschung. Wurtele und Kolleginnen befragten Vorschulkinder nach den Namen ihrer Körperteile und stellten fest, dass fast alle Kinder die korrekten Begriffe für Ellenbogen, Knie, Bauch und Schultern kannten, während nur sechs Prozent das Wort Penis und drei Prozent das Wort Vagina benennen konnten. Dabei fällt eine Asymmetrie auf, die sich auch in weiteren Untersuchungen zeigt: Jungen erhalten häufiger zumindest ein Ersatzwort, das nur diesen einen Bezug hat und deshalb von jedem Erwachsenen verstanden wird, während Mädchen öfter mit Begriffen wie Muschel oder Schnecke aufwachsen, die zugleich reale Dinge bezeichnen und deren Mehrdeutigkeit sich später in keiner Befragung mehr auflösen lässt. Kinder lernen also jedes Körperteil beim Namen, mit Ausnahme derjenigen, um die es im Ernstfall geht, und diese Lücke entsteht nicht durch kindliche Entwicklung, sondern durch die Sprache der Erwachsenen, die Mädchen dabei noch schlechter ausstattet als Jungen.

Was in einem Verfahren geschieht

Um zu verstehen, warum diese Lücke so schwer wiegt, lohnt es sich, ein Verfahren rückwärts zu betrachten. Ein Strafverfahren wegen sexualisierter Gewalt an einem Kind benötigt Präzision, denn ob eine Handlung als sexueller Missbrauch oder als schwerer sexueller Missbrauch verfolgt wird, hängt unter anderem davon ab, welche Körperteile beteiligt waren und was genau geschah. Die Aussage des Kindes ist dabei häufig das zentrale und oft das einzige Beweismittel, und sie wird auf ihre Glaubhaftigkeit geprüft, wobei Konkretheit zu den wichtigsten Kriterien gehört.

Geschulte Befragende wissen um kindliche Sprache und fragen nach, was ein Kind mit einem Wort meint. Ein Kosename hat jedoch keinen festen Bezugspunkt, denn eine Muschel kann ein Körperteil sein, ein Spielzeug oder ein Fundstück aus dem Urlaub. Diese Mehrdeutigkeit lässt sich in einem Verfahren nicht immer auflösen, und sie lässt sich von der Verteidigung nutzen, sodass am Ende nicht bewiesen werden kann, was das Kind sehr genau gemeint hat.

Das Verfahren ist dabei nur die letzte Station einer Kaskade, die viel früher beginnt. Ein Kind, das sich einer Erzieherin, einer Nachbarin oder einem Großvater anvertraut und dabei Worte benutzt, die niemand einordnen kann, wird häufig gar nicht erst verstanden, und was nicht verstanden wird, löst auch nichts aus. Die Forschung von Wurtele und Kenny beschreibt genau diesen Effekt: Offenbarungen in kindlicher Eigensprache werden von Erwachsenen seltener ernst genommen, seltener gemeldet und seltener weiterverfolgt, sodass der Satz des Kindes verhallt, bevor irgendeine Institution ihn je zu hören bekommt.

Die Täterseite

Bis hierher könnte man das für eine tragische Verkettung halten, für ein Missverständnis zwischen kindlicher Sprache und erwachsenen Institutionen. Es gibt jedoch eine Seite, die diese Verkettung kennt und gezielt nutzt.Verniedlichende Namen für Körperteile und Handlungen gehören zum dokumentierten Repertoire von Täterstrategien, denn ein Täter, der einer Handlung einen harmlosen Namen gibt, erreicht drei Dinge zugleich. Er verharmlost das Geschehen für das Kind, das keine Sprache hat, um es als Übergriff einzuordnen. Er stiftet eine Geheimsprache, die Nähe simuliert und andere ausschließt, weil die Wörter nur ihnen beiden gehören. Und er sorgt dafür, dass eine spätere Aussage genau so klingt wie die Sätze, die ich in Befragungen gehört habe, nämlich unkonkret, mehrdeutig und unverwertbar. Der Täter muss das Schweigen nicht erzwingen, wenn die Sprache es ihm liefert.Wie sehr Sprachfähigkeit die Täterkalkulation verändert, zeigt eine Untersuchung von Elliott und Kolleginnen, für die verurteilte Täter zu ihren Strategien befragt wurden. Ein Teil von ihnen gab an, Kinder zu meiden, die die korrekten Namen ihrer Körperteile kennen, aus Sorge, entdeckt zu werden. Ein Kind, das Penis und Vulva sagen kann, signalisiert damit etwas, das über Vokabular weit hinausgeht: In seinem Umfeld wird über den Körper gesprochen, dort hört jemand zu, und Geheimhaltung ist dort nicht sicher.

Was Benennung bewirkt

Damit dreht sich das Bild. Anatomisch korrekte Begriffe wirken nicht erst, wenn etwas geschehen ist, sondern bereits vorher als Signal an potenzielle Täter und danach an jeder Station der beschriebenen Kaskade. Kinder, die ihre Körperteile benennen können, offenbaren sich der Forschungslage zufolge eher, werden eher verstanden, erhalten eher Unterstützung, und ihre Aussagen tragen weiter. Die Standards der WHO und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sehen deshalb vor, dass Kinder bereits im Alter von null bis drei Jahren die konkreten Bezeichnungen aller Körperteile lernen, einschließlich der Geschlechtsorgane, gesprochen im selben Ton wie Ellenbogen und Knie.

An dieser Stelle kommt verlässlich der Einwand, ob das nicht Frühsexualisierung sei. Die Antwort fällt einfacher aus, als die Aufregung vermuten lässt, denn ein Wort sexualisiert nichts, sondern benennt. Ein Kind, das für seine Vulva kein Wort haben darf, lernt dadurch keine Unschuld, sondern dass dieser Teil seines Körpers unaussprechlich ist, und von dieser Unaussprechlichkeit profitiert am Ende genau eine Gruppe, zu der die Kinder nicht gehören.

Was das praktisch bedeutet

Für Eltern bedeutet das etwas sehr Kleines: die richtigen Wörter benutzen, von Anfang an, beiläufig, beim Wickeln, beim Baden, ohne besonderen Anlass. Wer bisher Kosenamen verwendet hat, hat nichts falsch gemacht und kann heute damit beginnen, die korrekten Begriffe danebenzustellen, denn Kinder nehmen neue Wörter deutlich gelassener an als die Erwachsenen, die sie ihnen beibringen.

Für Kitas, Schulen und Vereine bedeutet es, Körpersprache nicht dem Zufall zu überlassen. Ob in einer Einrichtung anatomisch korrekt gesprochen wird, ist keine Stilfrage, sondern ein Baustein von Prävention, so konkret wie ein Führungszeugnis und im Alltag deutlich wirksamer.

Für Fachkräfte schließlich bedeutet es, den Zusammenhang zu kennen, wenn ein Kind in eigenen Worten spricht: nachfragen, wörtlich dokumentieren, nichts glätten, und dabei wissen, dass hinter einer Verniedlichung eine Familientradition stehen kann oder eine Strategie.

Ein Wort, das ein Kind nicht hat, kann es nicht sagen, und was ein Kind nicht sagen kann, kann niemand hören, weder eine Erzieherin noch ein Jugendamt noch ein Gericht. Die Sprache für den eigenen Körper gehört deshalb zum Ersten, was wir Kindern geben können, und in manchen Verläufen ist sie das Einzige, was am Ende zählt.

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